Da bin ich nun also. Zwei Flugstunden nördlich von Atlanta und ca. 20° (gefühlt) kälter als Mississippi. Ich bin also bei strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel und erfrischenden 24°C am Samstag in Syracuse gelandet. Von oben (und scheinbar auch von unten) ist die Gegend um Syracuse wunderschön: grün, hügelig, viele Seen und Flüsse. Insgesamt frage ich mich, wo die 147.101 Einwohner leben, weil gerade der Speckgürtel die Idylle eines Bayerischen Bergdorfs verbreitet. Und auch der Weg zur Uni hat eher den Charme einer amerikanischen Kleinstadt, mit Alleen, Holzhäusern bzw. Steinhäusern, deren Steine tatsächlich nur Fassade sind, und spielenden Kindern.
Übermüdet, ausgehungert, mit Restalkohol im Blut und viel zu schwerem Gepäck wurde ich also von meiner neuen Mitbewohnerin Vanessa abgeholt. Vanessa kommt ursprünglich aus der Schweiz, lebt aber seit sie acht ist in den USA. Wenn mir also hier und dort mal ein Wort fehlt, dann macht das gar nichts - sie versteht mich auch auf Deutsch.
Nachdem ich dann mein Zimmer zum ersten Mal betreten habe - es ist nicht größer als das in Greifswald, hat aber einen begehbaren Kleiderschrank - sind wir auch schon los, um Bettwäsche, ein Rollo und Nahrungsmittel zu kaufen. Letzteres war das schwerste, weil die Auswahl an Essen hier unvorstellbar ist; genauso wie die Preise für alles, was nach gesund riecht, so heißt oder nur so aussieht. Nach drei fettigen Wochen habe ich dann aber doch in meine Gesundheit investiert und mir Müsli (d.h. ich habe es mir selbst zusammengestellt; hier ist ja nichts unmöglich), richtiges Brot, Aufschnitt und Tee gekauft. Für ein Glas Honig habe ich fünf Dollar bezahlt. Ich habe es noch nicht angerührt. Obst musste natürlich auch sein. Das hat hier solch gigantische Ausmaße, dass ich lieber nach den kleineren Äpfeln suche, weil mir die Größe nicht geheuer ist. Ein Wecker und ein Bettvorleger war dann auch noch drin. Danach musste es dann auch schleunigst zurück gehen, weil ich, sobald wir im Auto saßen, die Kontrolle über meine Augenlider an die Schwerkraft verlor. Und nun stellt euch noch zehn Minuten Waschanlage vor. Ich habe gekämpft.
Zu hause angekommen, wollte ich dann doch noch wach bleiben, um nicht ganz aus dem Rhythmus zu kommen. Nachdem ich ein paar mal vor dem Computer weggesackt bin, war dann um 19 Uhr Schluss mit lustig: Ich hatte den Schlafanzug noch nicht ganz an, da war es schon morgens um 9 Uhr. 14 Stunden Schlaf non-stop.
Sonntag war dann komplett dem Internet gewidmet: eine Stunde die nötigen Besorgungen machen, zwei Stunden amerikanische Bedienungsanleitungen verstehen. (Und das obwohl hier alles so idiotensicher ist; Beispiel: Bitte essen Sie nicht die Verpackung, sie könnte giftig sein.) Danach hieß es dann, updaten, e-mails schreiben, telefonieren, organisieren.
Heute habe ich dann den Campus erobert. Wunderschön. Nicht so weitläufig wie in Mississippi, sondern er wirkt eher städtisch. Die Leute in meinem Department sind nett, freundlich und hilfsbereit. Ich habe mich angemeldet, meinen Gesundheitszustand bestätigen lassen und ein Konto eröffnet. Letzteres hat zweieinhalb Stunden gedauert, weil es hier wohl mehrere internationale Studenten gibt. Und die meisten davon sind Inder. Allerdings machen die meisten von ihnen einen Bachelor.
Ich habe nun also einen amerikanischen Studentenausweis, ein amerikanisches Konto und eine amerikanische Adresse. Wenn ich jetzt noch die amerikanische Flagge raushänge, 35 Kilo zunehme und die Hymne mitsingen kann, bin ich ein Durchschnittsamerikaner. Falsch, mir fehlt noch die Sozialversicherungsnummer. Die hole ich mir morgen, genauso wie eine Handynummer. Und dann war's das. Welcome to America.
Montag, August 14, 2006
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2 Kommentare:
Lieber Manuel,
mit großem Interesse habe ich gelesen, wie es dir in der großen weiten Welt so geht. Schon sehr beeindruckend, was du innerhalb kurzer Zeit so erlebt hast. Außerdem hast du eine sympathische Art, Briefe zu schreiben. Man liest sie und hat das Gefühl, du würdest einem gegenüber sitzen und erzählen. Nun muss ich schon tief in die Trickkiste greifen, um auch wenigstens ein bisschen interessant dazustehen (wie würde es sich bloß anhören, dir in Amerika von einem noch nicht erledigten Abwasch oder noch zu gießender Blumen zu schreiben).
Also, wir sind auch alle in Aufbruchstimmung. Es geht übermorgen nach Norwegen für eine Woche. Wir reisen mit 16 Personen, Dani ist auch dabei. Rica startet einen Tag später für 5 Monate zum Studieren nach Schweden (geplant war eigentlich Singapur, aber meine Trauer darüber, dass es nicht geklappt hat, hält sich in Grenzen. Im Leben einer Mutter kommt die Phase, wo man schon froh ist, wenn sich das Kind noch auf dem selbem Kontinent befindet, wie man selbst. Das muss einem heute ja schon das Gefühl von Nähe geben.) Ich freue mich jedenfalls, euch Pfingsten zusammen hier gehabt zu haben, auch wenn Maxi gefehlt hat in der Runde. Ich glaube, du hast fotografiert und ich möchte schon mal eine Bilderbestellung in Auftrag geben.
Ansonsten, lieber Manuel, lass es Dir gut gehen. Ich freue mich schon darauf, dich irgendwann mal wieder zu sehen und verbleibe herzlich,
deine Tante Marlis.
P.S.: Leider wirst du nicht regelmäßig mit Post von mir rechnen können. Der Computer ist nämlich nicht mein Freund. Heute erledigt Dani das für mich.
Lieber Manuel,
dank funktionierender Internetverbindung war es mir jetzt endlich möglich auch mal deinen Blog zu besichtigen. Ich hoffe, wir telefonieren bald. Wie wäre es mal Samstag oder Sonntag Vormittag? Ich würde mich freuen. Fühl Dich innigstlich umarmt!
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