Mittwoch, August 02, 2006

Graceland und andere Unannehmlichkeiten

Ich sitze gerade im Waschsalon und lasse meine Wäsche nicht von der heißen Mississippi-Sonne trocknen, sondern von einer Maschine. Das gibt mir genug Zeit, um euch auf dem Laufenden zu halten.
Da in den USA ja immer alles größer, schneller und weiter ist, scheint die Sonne hier auch mehr als anderswo; jedenfalls fühlt es sich wie mindestens 45°C an. Während die letzte Woche noch vergleichsweise kühl war – man kann das ungefähr mit den letzten Wochen in Deutschland vergleichen – wird es diese Woche von Tag zu Tag heißer. Sogar die Einheimischen beschweren sich, und das will schon was heißen. Aber die Klimaanlagen in allen Räumen sorgt für Abkühlung, manchmal auch für Eiszapfen und beschlagene Scheiben.
Mein Stundenplan hat sich leider noch nicht geändert. Ich stehe immer noch jeden Tag um 6.30 Uhr auf, um dann nach einem fetthaltigen und nährstoffarmen Frühstück von 8 bis 12 Uhr zu lernen, wie man sich auf Englisch unterhält, welche Raffinessen einen beim Schreiben Englischer Texte erwartet und wie man englische Texte liest. Der Anspruch ist genauso hoch wie der Nährstoffgehalt in amerikanischem Essen. Die Nachmittage werden durch Workshops und Seminare gefüllt, die wertvoll wären, wenn ich Absolvent einer amerikanischen High School wäre. Ein Professor des Instituts für Politikwissenschaft an dieser Uni meinte, dass das Fulbright Pre-Academic Program vor allem deshalb hier gelandet ist, weil es Verbindungen zum Senat gäbe. Soviel zur Rolle des Lobbyismus in den USA.
Letzten Freitag sind wir dann endlich mal vom Campus runter gekommen und in einen Club gegangen. Abends um 21.30 Uhr. Nachdem es ungefähr eine Stunde brauchte bis die Turnhalle sich füllte, ging es dann ab wie in einem afroamerikanischen (um politisch korrekt zu sein) Musikvideo. (Man darf hier übrigens noch nicht mal Black Music sagen.) Unsere muslimischen und afrikanischen Freunde hatten wohl den Schock ihres Lebens, und wir Deutschen haben auch nicht schlecht geguckt.
Samstag hatte ich mir gemeinsam mit drei anderen Deutschen ein Auto ausgeliehen, um nach Memphis zu fahren. Mit einem Jeep waren wir dann drei Stunden unterwegs, und dann noch mal eine Stunde, weil wir Graceland, das Grundstück von Elvis, nicht finden konnten. Zwischendurch haben wir Autos mit Einschusslöchern, Prostituierte am Highway und verängstigte mexikanischen Tankwarte gesehen.
Elvis Geschmack war grässlich. Typische für die 70er, wurde uns später erzählt. Sein Wohnzimmer sieht aus wie ein Dschungel, der Fernsehraum wie ein Spiegelkabinett. Die Sammlung seiner Preise und Ehrungen war beeindruckend, aber die Einrichtungen seines Hauses und sein Kleidung waren geschmacklos. Genauso wie sein Grab im Vorgarten. Die zwanzig Dollar Eintritt war der Besuch nicht wert. Auch typisch amerikanisch, dass wir einen Bus nehmen mussten, nur um die Straße zu überqueren. Aber was tut man nicht alles für den King of Rock’n’roll.
Downtown Memphis war, im Vergleich zu anderen Downtowns interessant. Viele Straßen mit Blues-Bars, kleine Kneipen und Restaurants. Wir sind runter zum Mississippi gegangen, und haben sogar einen Schaufelraddampfer gesehen, dessen Schaufelrad sich allerdings nur für Touristen drehte. Aufgrund der Temperaturen und unseres Stehpensums in Elvis' Haus waren wir am Ende eher lauffaul und ließen uns in einem Einkaufszentrum nieder.
Zurück bin ich dann gefahren, das erste mal in meinem Leben mit einem Automatikauto. Das war nicht so schwer wie den Weg zurück zu finden. Aber da Benzin hier nicht viel kostet, war auch das nicht so schlimm. Den Tag haben wir dann mit mexikanischem Essen und einem Mitternachtsbesuch bei WalMart abgerundet, bevor wir halb tot ins Bett gefallen sind.
Die restliche Zeit verbringe ich mit Hausaufgaben, ärgere mich über die Uni Greifswald, suche nach einer Unterkunft in Syracuse oder mache Sport.
Um mit meinem amerikanischen Lieblingsdialog zu enden: How are you doing? Fine, how are you? Good. (Beachte: dabei muss man aneinander vorbei gehen und so viel Interesse wie möglich zeigen.)

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

mahlzeit und grüsse aus salzburg...

man man, da dachte ich du bildest dich weiter und dann fährst du zu elvis ;-) - st aber immer wieder interessant deine blogs zu lesen, mach nur weiter so...

micha

Silvana hat gesagt…

also ich fand das dschungel-zimmer kultig! auch wenn ich zugegebenermaßen meine eigene wohnung doch eher anders eingerichtet hab ;-)
spannend zu hören, wie's dir so ergeht im ami-land. vieles bekanntes und nette erinnerungen an ähnliche erfahrungen! freu mich schon auf den nächsten eintrag! bis bald hoffentlich!
silvana.